Wie trifft man Gott – wenn Gott, der Vater, das Geheimnis, sich der Begegnung entzieht, wenn er der ist, der radikal anders ist? Gott ist für mich nicht fassbar. Gott ist der, der mein Denken übersteigt. Und der mir damit gleichzeitig die Ahnung davon gibt, dass es mehr geben muss, als ich mir vorstellen kann. Und dieses mehr kann ich erahnen. Ich erahne Gottes Spuren in der Schönheit meiner Welt, in dem Blau des Himmels, das mir unwirklich erscheint, in der Weite des Meeres, die ich nicht fassen kann, in einer Landschaft, die nicht schöner hätte gemalt sein können. Ich fühle in diesen Momenten ein tiefes Ergriffensein, ja, vielleicht eine Begegnung. Vor allem aber ahne ich Gott durch sein Wort. Sein Wort, dass er uns in diese Welt hineingegeben hat, das mein Herz berührt und ihn für mich dadurch doch wieder greifbar werden lässt. Und wenn ich nicht über ein erahnen sprechen will, dann gibt es letztlich für mich nur eine Begegnung mit Gott. In meinem Nächsten. In der Zuwendung zum und durch den Anderen. Dass Gott sich mir in dieser Begegnung schenkt. Und wenn ich bete, dann weiß ich, dass ich erfüllt bin von Hoffnung und dass es einen Sinn in diesem Leben gibt, der schlichtweg nicht ins Leere läuft. Und so oft es schon gesagt worden ist, und so einfach es klingt, es ist doch die tiefste Wahrheit in dieser einen Aussage: Ich habe mich Gott zugewandt – und er lässt mich nicht mehr los.


Ich war schon oft an diesem Ort. Ich mag ihn einfach, denn hier kann ich abschalten und da sein. Hier kann ich nachdenken und wieder zu mir selbst kommen, das ganze Jahr über. Hier bin ich mitten in der Natur und vor allem am Wasser, was mich seit Jahren magisch anzieht. Manchmal gehe ich hier ganz langsam, bewusst und bedacht - ein paar Schritte für einen Gedanken. Oft laufe ich aber auch ganz schnell, manchmal so schnell es geht. Es muss dann was raus. Das tut gut. Bringt Klarheit. Er ist mittlerweile zu meinem Lieblingsort geworden. Wenige Meter entfernt vom Lippesee bin ich aufgewachsen. Meine Heimat ist Elsen, aber auch dieser See. Hier kenne ich jede schöne Ecke der Ruhe und Kraft. Auch jede neue Baustelle. Meine Sinne fühlen sich zu Hause - hier mittendrin in der grün-blauen Oase. Hier ist Gott ganz nah. Hier kann er mich erreichen. Hier ist er gut ansprechbar. Was ist dein Weg? Im Leben und im Beruf. Auch heute - Sommertag 2007 - bin ich an diesem Lieblingsort. Eine Entscheidung war kurz zuvor gefallen. Viele Jahre wollte ich Priester werden. Hab mich auf den Weg gemacht. Jetzt wollte ich raus. Ein zu hoher Preis. Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Lehrer sein ist toll. Doch wie nur werden? Ein weiter Weg. Viele Unis lehnen ab. Mein Abi war doch gar nicht schlecht. Der NC in diesem Jahr viel zu hoch. Ich war frustriert, traurig und hoffnungslos. Traumberuf ade und keinerlei berufliche Perspektive in Sicht. Viele Gedanken. Zweifel, ob die Entscheidung richtig war. Muss das alles sein? Und das alles hier an meinem Lieblingsort! „Wenn Gott eine Türe schließt, dann öffnet er ein Fenster. Er ist bei dir, trägt dich durch diese schwierigen Zeiten, auch durch deine Ungewissheit und Zweifel. ER wird dir Kraft geben!“ Aha. Ach ja, stimmt. Heute war ich nicht alleine an meinem Lieblingsort. Ich hatte einen guten Freund gebeten, mich zu begleiten. Er war noch da. Er kennt mich gut. Wir hatten den See einmal umrundet. Er schwieg die ganze Zeit. Ich ließ alles raus. Jetzt diese Sätze. Nach 7 km Fußweg. Von ihm. Das saß. Aber ist es so einfach? Nein. Er hatte recht behalten. Heute bin ich IHM begegnet.


…war es einfach. Zumindest das Leben mit allem Drum und Dran. Da war ich mit SchülerInnen in Taizé. Im einfachen Leben, ohne Internet und Co. Und nicht beim Essen, Lieder Singen, in der Sonne Braten oder Postkarten Schreiben habe ich Gott getroffen, sondern neben dem Programm. Während eines Spazierganges durch weite gelbe Sommerfelder, mit Spatzen in den Hecken und Schwalben über dem Kopf: im Anderen. Der sich als der zu erkennen gab, der er wirklich war. Mit allen Fragen, Entscheidungs-Vorbereitungen, Abschieden von Altem, der Vorfreude auf Neues und den eigenen Weg. Der Last der Tragweite, aber auch der Chance auf Wachstum. Ganz ohne Schutzpanzer, ohne Forderung danach, welche Rolle er spielen könnte. Er war einfach da. Mit vollem Vertrauen. Und mit der dadurch entstehenden radikalen Aufforderung, genauso einfach und echt da zu sein. Zuzuhören, zu teilen, zu erzählen, zu schweigen. Im Hervorheben des Menschseins, des darin Eins-Seins, des Nicht-Belehren-Wollens, sondern des Teilen- und Begleiten-Wollens. Einfach darin lag das Treffen mit Gott. Und die Chance, an das bedingungslose Vertrauen erinnert zu werden, das uns zugesagt und dessen wir uns sicher sein können. Und an das wir uns gegenseitig erinnern können, indem wir eben da sind. Füreinander, aufmerksam, damit auch für Gott. Und dann traf ich Gott noch häufig in der Woche. Beim Essen, beim Lieder Singen, beim in der Sonne Braten und auch beim gemeinsamen Postkarten Schreiben. Da war kein Schleier mehr. Der Himmel der Offenheit gegenüber den vielen Kleinigkeiten war klar und wolkenlos. Keine Rollenspiele, keine Machtspiele. Und das war einfach wunderbar. Wie früher im Sommerurlaub. Da sein, mit allen Sinnen. Und dazu noch den Humor im Gepäck, diese befreiende Prise Leichtigkeit. Leider hat sich – zum Glück langsam - der Schleier des Alltags nach der Rückkehr wieder auf die Sinne gelegt. Die Aufmerksamkeit und Offenheit, die Einfachheit und Zufriedenheit werden ja so oft von Gewohnheit, Alltagszielen, äußeren Stimmen und Bedingungen verdrängt. Als ich einmal Gott traf, hat er mich somit aufgefordert, besonders im Alltag, an unverhofften Orten, mit Aktionen und Themen mitten aus dem Leben, aus Bereichen, die auf den ersten Blick nichts mit einer Tiefe zu tun haben, genau das zu entdecken: die Chance auf Tiefe. Diese anzurühren. Die Chance, Gott alleine und gemeinsam immer wieder und neu zu treffen. Dabei in Bewegung zu bleiben und sich auch sich selbst zu stellen.