Ich stehe mit rund 50 Sängern Schulter an Schulter auf einem kleinen Podest, es ist eng hier. Mit vielen von ihnen singe ich bereits seit mehreren Jahren gemeinsam im Chor und bin mit ihnen gut befreundet. Es müffelt ein wenig nach Schweiß; ja, Singen ist bei Sommerhitze besonders anstrengend! Und während ich den Dirigenten anschaue, höre ich, dass mein linker Nachbar gerade den Einsatz knapp verpasst hat. Wir schreiben den August 2007 und ich befinde mich zu einem Konzert in der Kirche des Klosters Dalheim. „Aus den Quellen der Gregorianik“ lautet das Programm. Wir singen gemeinsam Kompositionen, in denen Melodien des gregorianischen Chorals mit sphärischen Klängen der Moderne verknüpft werden: alt trifft neu. Während in der Kirche Chorgesang erklingt, kündigt sich draußen mit dumpfen Grummeln ein Sommergewitter an. Im Laufe des Konzerts entwickelt sich ein Wettkampf der Gewalten: Blitz und Donner vs. Knabenchorgesang. Beeindruckend, wie sich der sonore Donner mit den Klängen des Chores mischt und sich langsam als Klangteppich ausbreitet, während der Kirchenraum durch die Fenster hindurch immer wieder blitzartig erhellt wird. Irgendwie spüre ich, dass dieses Konzert eine besonders intensive Erfahrung ist. Doch vom Gewitter fühle ich mich nicht bedroht und beunruhigt. Warum auch, denn ich bin mit meinen Freunden zusammen und musiziere. Als das Unwetter seinen Höhepunkt erreicht, singen wir das „Ubi caritas“ des Komponisten Duruflé. Die Übersetzung des Texts lautet: „Wo Liebe ist und Güte, da ist Gott“. Auf besondere Weise sind Text und Musik plötzlich ganz aktuell und passen zu der Situation, denn im Kreise meiner Freunde fühle ich mich geborgen und sicher. Ob ich damals wirklich Gott traf? Zumindest wird in Musikstücken nicht einfach nur der Sinn der Worte vermittelt. Vielmehr wird durch die Musik ein neuer Raum geöffnet, in dem Transzendenzerfahrung, also ein Treffen mit Gott, möglich ist. Und weil Singen ganzheitlich ist, Körper und Seele durchdringt, sowie in ihr etwas zum Ausdruck gebracht wird, was allein mit Worten nicht zu fassen wäre, glaube ich, dass ich in den Momenten des Gesangs mit meinen Freunden das ein oder andere Mal Gott traf.