Er hatte alle Zeit der Welt, um Menschen zuzuhören und zu helfen. Manche Zeitgenossen unterschätzten seine Koordinationsfähigkeit gewaltig.

Lukas 8,40–55

 

Es ist eine große Herausforderung, im alltäglichen Trubel die Geduld zu bewahren. Und diese Herausforderung fängt morgens schon an. Geduldig bleiben, wenn du vor der Arbeit noch die Kinder in die Kita bringen willst und diese in aller Ruhe sich den linken Schuh am rechten Fuß anziehen oder noch einmal auf die Idee kommen, kurz vor der Abfahrt eine Runde Fangen spielen zu wollen. Und bei der Arbeit? Eigentlich hatte ich für heute Morgen mal ein großes Zeitfenster eingeplant, um an einem zukünftigen Projekt weiterzudenken. Aber im E-Mail-Postfach warten schon wieder einige Mails darauf, bearbeitet zu werden. Auf meine gestrige Anfrage bezüglich eines Beitrags habe ich auch noch nichts gehört. Vielleicht sollte ich da direkt noch einmal nachhaken? Und dann meldet sich auch noch ein Kollege mit einem dringenden Problem, bei dem ich ihm vielleicht helfen kann. Ich erstelle also einen neuen Zeitplan. Dann müssen die verschiedenen Aufgaben halt in kürzerer Zeit bearbeitet werden. Der Vorsatz, sich mit Geduld und Zeit dem zukünftigen Projekt zu widmen, bleibt dabei leider auf der Strecke. Geduld scheint man sich nur leisten zu können, wenn man reichlich Zeit hat. Jesus, der Geduldige, hat alle Zeit der Welt (Lk 8,40–55). Er ist bereits in einer dringenden Angelegenheit unterwegs, bei der jede Sekunde zählt, da trifft er schon wieder auf jemanden, der etwas von ihm will. Doch statt zu hetzen, hat er alle Zeit der Welt. Jesus zeigt uns darin, dass es in der Seelsorge kein „schneller“ oder „kürzer" gibt, jedem muss die Zeit geschenkt werden, die er oder sie braucht. Und er zeigt uns noch ein Zweites: Große Probleme und Krisen führen uns in unserem Leben an Grenzen, die wir mit noch so viel Aktionismus nicht überwinden können. In diesen Momenten, in denen alles verloren scheint, spricht er uns zu: „Hab keine Angst, glaube nur.“ Wohl wissend, dass der nächste Tag mit einem vollen Terminkalender, vielen E-Mails und unzähligen To-dos nicht lange auf sich warten lässt, habe ich die Mensch-Jesus-Karte auf meinen Schreibtisch gelegt, damit sie mich in den nächsten Wochen daran erinnert, geduldig und mit Gottvertrauen durch den Tag zu gehen.

Benedikt Bohn